Die Geschichte der Raketenforschung in den Junkers-Werken von 1914 bis 1939 – Erwartungen, Versuche, Ergebnisse 8.5.21

Einführung

Das vorliegende e-Book ist ausgerichtet auf das 125. Jubiläum von Johannes Winkler im Jahr 2022. Es soll allen Raumfahrthistorikern eine neue Basis für die Auseinandersetzung mit seinem technischen Erbe sein. Die Würdigung von Johannes Winkler kann aber durchaus darüber hinaus ausgedehnt werden.

  • Johannes Winkler hat mit der Zeitschrift „Die Rakete“ nicht nur die erste Fachzeitschrift auf diesem Gebiet veröffentlicht, sondern versucht, einen gemeinsamen Fonds zur praktischen Forschungsarbeit zu bilden.
  • Zur weiteren Profilierung der Zeitschrift gewann er nicht nur deutsche Raketenspezialisten, sondern auch Fachleute aus anderen europäischen Ländern.
  • Johannes Winkler unterscheidet sich von den anderen frühen Raketenpionieren dadurch, dass er sowohl Beiträge zur Raketentheorie erbrachte, als auch in der Lage war, selber Triebwerke zu bauen. Er steht für herausragende technische Einzelergebnisse, darunter die Entwicklung eines völlig eigenständigen Einspritzkopfes, die Entwicklung von Triebwerken mit flüssigem Methan und flüssigem Sauerstoff, die Herstellung von Triebwerken mit Benzin und flüssigem Sauerstoff mit hoher Leistung und Laufzeit sowie deren Bündelung.
  • Unsere Würdigung gilt vor allem dem Theoretiker, der den Verlockungen des damaligen „Raketenrummels“ widerstanden hat, und zielstrebig und folgerichtig am Raketenantrieb gearbeitet hat. Der herausragende technische Höhepunkt war der Start der ersten Flüssigkeitsrakete in Europa, der HW 1. Er arbeitete erfolgreich als Forschungsingenieur, obwohl er keinen Ingenieurabschluss hatte. Er kann auf keine Geheimdissertation verweisen, doch andere griffen seine Ideen auf und entwickelten sie weiter

Es war nicht einfach herauszuarbeiten, dass ein großer Teil seiner praktischen Erfolge erst durch seine Arbeit in den Junkers-Werken (ab 1936 Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG – JFM AG) möglich wurde. Er hat dort 10 Jahre seines Lebens verbracht, wenn man die Unterbrechung durch die Arbeit in der AG mit Hugo A. Hückel, die in Dessau geleistet wurde, hinzunimmt.

Die Ursachen für waren unter anderem, dass
  • die Existenz seiner Versuchsprotokolle im Deutschen Museum in München zwar bekannt war, aber diese durch die frühen Raumfahrthistoriker nicht ausgewertet wurden, die frühen Raumfahrthistoriker eher den Erinnerungen der Raumfahrtpioniere der 1920/30er Jahre Glauben schenkten, als sich mit den Artikeln von Winkler in der Zeitschrift „Die Rakete“ zu beschäftigen,
  • bisher kein Luftfahrthistoriker sich explizit mit der Forschung der Junkers-Werke und mit dem raketentechnischen Erbe der Junkers-Werke auseinandersetze, weil zunächst die technische Produkte der Junkers-Werke im Mittelpunkt standen (Flugzeuge, Flugmotoren, Warmwassergeräte) und die Dokumente der Raketenforschung bis 1945 der Geheimhaltung unterlagen und sehr verstreut waren und immer noch sind,
  • kein ehemaliger Mitarbeiter der Junkers-Werke/JFM AG nach dem bisherigen Wissensstand (!) über die Raketenforschung der Werke informiert hat und
  • erst Rudolf Guder 2002 begonnen hat, eine Biografie über Johannes Winkler nach den Quellen zu erstellen bzw. den handschriftlichen Schriftverkehr zwischen Johannes Winkler und Hugo A. Hückel in Süterlin in Maschinenschrift zu transkribieren.

Das e-Book ist ausschließlich eine historische Auseinandersetzung mit Johannes Winkler. Viele Details aus seinen zahlreichen Versuchsprotokollen in Süterlin harren noch der raketentechnischen Auswertung. Mit der Bewertung seines wissenschaftlichen Vermächtnisses aus dem Jahr 1947 hat Prof. Dr. Epple aus Coburg begonnen (Neue Verfahren zu Berechnung der Gasdissoziation, zusammengesetzte Raketen).

Mit diesem Buch wird erstmals der Versuch gemacht, aus der vorhandenen Literatur und neuen Recherchen die Forschungstätigkeit von Prof. Junkers – ihre Prinzipien, Erfolge und Grenzen zusammenfassend darzustellen. Alle bisherigen Monografien und viele Artikel gehen auf die Forschungstätigkeit als wesentlichem Bestandteil des Lebenswerkes von Prof. Junkers ein, doch wird dann meist zu den technischen Produkten übergangen (Badeöfen, Schiffsmotoren, Flugzeuge, Flugzeugmotoren).

Hier wird die Forschungstätigkeit in den Mittelpunkt gestellt, die Tätigkeit von Junkers & Co vor allem als Finanzierungsquelle der Forschungstätigkeit von Prof. Junkers eingeordnet und die grundlegenden Prinzipien von Prof. Junkers herausgearbeitet. Dann wird der Übergang zur Raketenforschung der Junkers-Werke unter Mitwirkung von Johannes Winkler ab 1929 vollzogen. Dieses Gebiet wurde bisher separat in der Literatur noch nicht behandelt.

Räumlich gesehen vollzogen sich die Forschungsprozesse zunächst in einer ersten Phase in Dessau bis zum Umzug nach Aachen, wo in einer zweiten Phase wesentliche Ergebnisse nachzuweisen sind. Die dritte Phase vollzog sich von 1915 bis zur Auflösung der Forschungsanstalt zumeist wieder in Dessau. Von 1936 an wurde die Forschung dezentral in der Junkers Flugzeug – und Motorenwerke AG durchgeführt. Johannes Winkler arbeitete in der Abt. Strömungstechnik, die in der Ifa angesiedelte worden war.

Durch neue historische und technisch-historische Unterlagen ist es jetzt möglich, fast lückenlos die gesamt Forschungstätigkeit von Johannes Winkler bis 1939 nachzuvollziehen. Die neuen Unterlagen rechtfertigen im überzeugenden Maße den Titel des e-Books: Die Raketenforschung der Junkers-Werke!

Zur Forschungsanstalt „Prof. Junkers“ in Dessau liegen für die Analyse konkrete Unterlagen zu den Personen, Einrichtungen und Ergebnisse bis 1932 (!) vor. Personell ist festzustellen, dass viele der frühen Mitarbeiter in Aachen (Versuchsanstalt Prof. Junkers und Maschinenlabor der TU) den Umzug nach Dessau mit vollzogen haben (Dr. Mader, Philipp von Doepp, Wagenseil). Andere haben neue Betätigungsfelder gefunden und neue Mitarbeiter sind in die Forschungsanstalt durch die Ausweitung der Aufgabenstellungen hinzugekommen. Diese Prozesse können teilweise sehr genau nachvollzogen werden. Wie Prof. Junkers die Auswahl der Mitarbeiter nach welchen Kriterien vollzogen hat, ist ebenfalls Gegenstand der Untersuchungen.

Gegenstand des e-Books zur Raketenforschung der Junkers-Werke sind die Arbeiten von Winkler in der Forschungsanstalt „Prof. Junkers“ in der Zeit von

  • vom 19.9.1929 – 7.3.1931
  • Sommer 1933 – Januar 1935 (große Methanexplosion und deren Folgen)
  • Der Neubeginn der Raketenforschung in den Junkers-Werken ab 16.8.1933 unter Mitwirkung von Johannes Winkler. Diese Informationen stellte das Hermann-Oberth-Museum Feucht aus dem Nachlass Ingenhaag/Winkler zur Verfügung. Durch den Nachlass von Karl-Heinz Ingenhaag über Johannes Winkler können nunmehr präzisere Angaben von 1933 bis 1938 gemacht werden.

Im Unterschied zur WEB-Site und zum Buch (BoD) 2022 werden im e-Book die Arbeitsgruppe von Johannes Winkler und Hugo A. Hückel und deren Ergebnisse (HW 1 und HW 2) sowie seine wissenschaftlichen Beiträge zur Raketentheorie nicht einbezogen.
Im Interesse einer guten Lesbarkeit wird hier auch auf die Einfügung von vollständigen Zeichnungen, Briefe und Dokumente weitgehend verzichtet. Sie werden aber im Buch 2022
eingearbeitet.

Ein Wort zum Titel des e-Book:
Unter Raketenforschung werden hier alle eigenen Versuche der Junkers-Werke zusammengefasst. Der Leser wird sehr bald merken, dass es sich dabei erstens um Versuche mit Pulverraketen und ab 1929 um Versuche zur Entwicklung von Raketentriebwerken mit flüssigen Treibstoffen handelt, die in Flugzeuge eingebaut werden sollen. Johannes Winkler hatte diese Entwicklungsrichtung stets im Blick, hoffte aber zeitweise mit Höhenraketen, die mit einem oder mehreren Flüssigkeitstriebwerken ausgerüstet sind, schneller in den Weltraum zu gelangen. Die Erwartungen auf schnelle Erfolge waren bis 1936 stets größer als die realen Ergebnisse. Dann jedoch erreichte die Forschungstätigkeit von Winkler derartige Ergebnisse, dass mit dem Bau von einem Raketenpaket von 10 Triebwerken begonnen werden sollte. Doch die Entscheidungen wurden 1938 zugunsten der Strahltriebwerke getroffen.

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